Um der Leserin/dem Leser dieses Blogs die Vorstellungen und Lebensweisen der Menschen aus Berlin so nah wie möglich zu bringen und es ja nicht immer um Parties und das Feiern gehen kann :-) hier zwei denkwürdiger Artikel zum Thema Integration/Ehrenmord, die ich heute in der Berliner Morgenpost gefunden habe. Auf bessere Zeiten...
Türkische Jugendliche in Berlin - zerrissen zwischen Tradition und Moderne. Eine Reportage
Von Kai Ritzmann
Der Fall Sürücü ist noch lange nicht abgeschlossen. Im Moment treibt der Sorgerechtsstreit um den Jungen bizarre Blüten. Die Kritik an der Justiz reißt nicht ab. Beobachtungen aus dem Kiez rund um die Adalbertstraße (in Kreuzberg, Anmerkung des Blog-Verfassers).
Von hier aus haben sie alles im Blick. Alles - das ist das langsame Vorbeiziehen der BMW und Mercedes, aus denen volle Pulle türkischer Hip Hop dringt. Das ist der ältere türkische Getränkehändler nebenan, der wiederum sie gelangweilt im Auge behält. Das sind die kleingewachsenen türkischen Mütter, die mit dünnem Tuch auf dem Kopf und bunter Tüte in der Hand ihr Besorgungen machen. Hier - das ist die Kreuzung von Adalbert- und Naunynstraße. Das sind wenige Quadratmeter von jenem türkischen Boden in Berlin, die den meisten Deutschen auch nach Jahrzehnten ziemlich fremd, vielleicht gar unheimlich geblieben sind. Das ist eine offene Bühne und eine Terra incognita in einem. Das sind ein Internet-Café auf der einen und ein Wettbüro auf der anderen Straßenseite. Und sie - das sind ein paar türkische Jungs zwischen 17 und 20 Jahren, die sich Crash, Saho oder Gögs nennen, die sich den Tag über immer wieder zerstreuen und zusammenfinden, in Hauseingängen und Hinterhöfen in der Nähe verschwinden und wieder auftauchen. Die sagen: Das ist unsere Straße, und darin schwingt Stolz mit und beinahe eine Drohung. Die behaupten, daß sie zur Schule gehen oder eine Ausbildung machen. Die regelmäßig nach Moabit rüberfahren und dort ihre Marihuana-Vorräte auffrischen. Die Verfahren am Hals haben wegen Diebstahls, Betrugs, Körperverletzung.
Die Jungs stehen breitbeinig da und grinsen. Sie sagen: "Es ist die Aufgabe des Bruders, seine Schwester zu schützen." Sie reden von "Ehrensache" und von "Grenzen", die nicht überschritten werden dürften. "Bis zur Heirat", sagt einer von ihnen so, als ob er es schon tausendmal gesagt hätte, "darf ein Mädchen nichts machen." Keine Männer treffen, keine Disco besuchen, keinen Sex haben. Sie sagen aber auch: "Dieser Mord war Scheiße" - der Mord an der 23-jährigen Hatun Sürücü, für den ihre drei Brüder monatelang vor dem Berliner Landgericht standen und für den der jüngste der Brüder vor wenigen Tagen zu neun Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Tochter Hatun hatte aus Sicht der Familie mit ihrem westlichen Lebensstil gegen deren traditionellen Kodex verstoßen. Drei Schüsse in ihren Kopf waren aus Sicht der Brüder die passende Antwort darauf.
Die Jungs stehen vor dem Wettbüro. Gegenüber, vor dem Internet-Café, steht Emra. Er ist ein paar Jahre älter als die Jungs, das Kiffen hat er hinter sich, den Ärger mit der Polizei auch. Auch um "Respekt" muß er sich nicht mehr kümmern. "Respekt", sagt er, sei eine Angelegenheit der Jüngeren, "die müssen sich noch einen Namen machen". Lange war er selbständig, hatte eine Kebab-Bude. Seit Oktober vergangenen Jahres ist er arbeitslos. Er nimmt es hin. Nicht schön, aber auch nicht schlimm. Er sagt oft "egal". Emra ist als Baby aus der Türkei nach Berlin gekommen. Sein Opa lebt hier im Kiez und seine Eltern. Er ist die dritte Generation. Er sei, erklärt Emra, "integriert". Den Mord an Hatun Sürücü findet er "schrecklich". Doch nur ein paar Sätze später bekundet er "Verständnis" für die drei Brüder. Er sagt: "Mal gut, daß ich keine Schwester habe." Denn auch er würde "keinen Fleck auf der Familienehre akzeptieren". Was würde er denn tun? "Das Weib aus dem fünften Stock werfen."
Man kommt in diesen Gesprächen nicht weiter. Die Aussagen passen oft hinten und vorne nicht zusammen. Man kann heraushören, was einem gefällt. Man kann, in einer Person, in einem Redefluß, Bestätigungen für geglückte Multi-Kulti-Anstrengungen entdecken und zugleich Abgründe einer Parallelgesellschaft. "Glaube nicht alles, was dir auf der Straße erzählt wird", warnt uns ein junger Türke in Neukölln, der seine Straße kennt. Man muß sehr aufpassen.
Seran ist 22 Jahre alt und Kurde. Die Hälfte seines jungen Lebens wohnt er nun schon in Berlin. Seran hängt nicht wie Crash und die anderen in der Adalbertstraße rum und nicht am verrufenen Kottbusser Tor. Wir treffen Seran in einem der zahlreichen "Vereins"-Lokale in der Kreuzberger Dresdner Straße, die meisten haben ein Schild "Nur für Mitglieder" an der Eingangstür. Vor einer kleinen Theke köchelt Wasser für frischen Tee, der auch dem Gast gleich angeboten wird. Wandmalereien zeigen rauhe Gebirgszüge und entlegene Dörfer. Seran hat sein Fachabitur gemacht und steckt mitten in der Friseurausbildung. Ein schlanker, sportlicher Mann, dessen Augen den Gesprächspartner neugierig und geradeheraus mustern. Er lobt "deutsche Tugenden" wie Gründlichkeit, Disziplin und Ehrlichkeit. Er sieht seine Zukunft in Berlin. Seran will mit den jungen Ausländern, die sich hier "dickmachen", nichts zu tun haben. Er will aufsteigen, das Kottbusser Tor hinter sich lassen. Der Gang zum Job-Center wäre ihm ein Greuel. Aber er will auch "Kurde bleiben". Er sagt: "Ich nehme vieles aus der deutschen Kultur in mir auf, aber ich verleugne auch nicht meine Herkunft." An einem Abend kocht er kurdische Spezialitäten, am nächsten legt er sich Fischstäbchen von Iglo in die Pfanne.
Er hat schon mit kurdischen Mädchen geschlafen und mit deutschen. Er lebt mit Lust sein Leben; er verhält sich wie die meisten der deutschen jungen Männer, die er in der Nachbarschaft, bei der Ausbildung oder beim SFC Friedrichshain, seinem Fußballclub, trifft, mit denen er befreundet ist. Und wenn seine Schwester sich ähnlich verhalten würde? Dann höre, sagt er, "der Spaß auf". Nein, schießen würde er nicht auf sie. Aber aus der Familie "verbannen". "Wenn sie sich der Familie entfremdet, soll sie fremd bleiben." Plötzlich schlingert, wie entfesselt, etwas Archaisches, Unerhörtes, Böses durch die klugen Sätze dieses Mannes. "Da gibt es Widersprüche", gibt er selbst zu, die ließen sich auch nicht auflösen. Man will darüber nicht mit ihm diskutieren. Man ahnt, daß es zu keinem Ergebnis führen würde.
Aygül treffen wir in einem anderen "Verein", diesmal in der Schönleinstraße. Doch jeder, sagt der 30jährige, riefe ihn nur "Hakan". Hakan hat in seinem Quartier Respekt. Er sagt den andern schon mal, wo es langgeht, was sie tun oder nicht tun sollen. Nach nur wenigen Sätzen sind zwei Jungs, die gegen die erschossene Frau Sürücü gedankenlos und ordinär das große Wort führen wollten, verschwunden. Jetzt spricht Hakan.
Hakan spricht leise und überlegt. Er sagt: "Man hat viel Dreck hergeholt", und er meint damit das "faule Obst" unter seinen Landsleuten. Diese Verbohrtheit, dieses Grobschlächtigkeit, dieses haßerfüllte Denken in Freund und Feind ist ihm, dem "atheistischen" Türken, fremd. Die orthodoxen Muslime sind ihm "eine andere Welt". Er fragt: "Wer gab dem Bruder das Recht zu töten?" Aber er sucht auch nach Erklärungen: Wenn in einer Familie die Gedanken nur um die Familie kreisen, wenn man sich derart abgeschottet hat und die Verachtung und die Verzweiflung eskalieren, dann reiche ein Funke, um die Katastrophe auszulösen.
Er sagt: "Dieses Land muß Gesetze des Zusammenlebens aufstellen und durchsetzen." Er denkt zum Beispiel an den Zwang zum Lernen der deutschen Sprache, besonders bei den Alten, der für viele Probleme verantwortlichen "Schlüsselgeneration". Und er spricht von diesem Land wie selbstverständlich von seinem Land.
Er sucht nach einem passenden Bild: In einem Lokal fühlten sich die Gäste nur wohl, wenn bestimmte Regeln eingehalten würden, wenn eine friedliche Atmosphäre herrsche und sich die Leute nicht prügelten. Verantwortlich dafür aber sei der Ladenbesitzer. Harkan, der heute mit Umzügen sein Geld verdient, der hier geboren ist, der in seiner Jugend auch Mist gebaut und dafür im Gefängnis gesessen hat, der aber glaubt, noch "Glück gehabt" zu haben, ruft nach dem strengen deutschen Staat.
Ein kleines Dope-Päckchen wechselt für einen Schein blitzschnell den Besitzer. Dabei geben sich die Jungs betont entspannt. An der Adalbertstraße geht das langweilig-gefährliche Dasein seinen Gang. "Wir versuchen", sagt Crash, "zu überleben. Schreib das." Klingt stark. Klingt nach Straße. Und wie aus einem schlechten Film.
Aus der Berliner Morgenpost vom 24. April 2006
"Der Mord ist eine Schande für die gesamte türkische Gemeinde"
Fast zwei Drittel der Deutschen wollen laut Umfrage die Ausweisung der Familie Sürücü. Auch bei den türkischen Gemeinden herrscht vielerorts Empörung. Der Leiter des Zentrums für Türkeistudien in Essen, Faruk Sen, ruft seine Landsleute zur Ächtung von Morden wegen Ehrverletzung auf. Mit ihm sprach Kristian Frigelj.
Berliner Morgenpost: Herr Sen, welche Reaktionen hat der Mord an Hatun Sürücü bei den türkischen Einwanderern ausgelöst?
Faruk Sen: Das ist eine Schande für die gesamte türkische Gemeinde. Bei den meisten ist Entsetzen zu spüren. Das Zentrum für Türkeistudien ruft die Moscheen und türkischen Selbstorganisationen auf, Ehrenmorde zu ächten. Gewalt gegen Frauen, das gehört weder zum Islam noch zur modernen türkischen Kultur. Man muß aber sagen, daß die Türkei Ehrenmorde bis 2004 als Kavaliersdelikte behandelt hat und erst dann schärfere Strafen eingeführt hat. Die Leute hatten wenig Angst vor Strafe.
Ist das Urteil gerecht?
Das Urteil ist zu mild. Damit ermutigt man eher zu solchen Ehrenmorden. Ich hätte den jüngeren Bruder härter bestraft und bei den beiden älteren nachgewiesen, daß sie daran beteiligt gewesen sind. Bei einem Ehrenmord ist klar, daß die Familie dies beschlossen hat. Man müßte die ganze Familie bestrafen. Ein Ehrenmord ist eigentlich zweifacher Mord: Man läßt die Tochter ermorden und macht das Leben des Jüngsten kaputt.
Wie weit verbreitet ist die Zustimmung für diese Morde bei den Türken in Deutschland?
Soweit ich feststellen kann, hat es in den vergangenen 18 Monaten sieben Ehrenmorde in Deutschland gegeben. Es gibt vielleicht noch weitere Fälle, bei denen man nicht so schnell erkennt, daß es sich um Ehrenmorde handelt. Jeder Ehrenmord ist einer zuviel. Aber ich kann mir vorstellen, daß es nur ein ganz geringer Teil billigt oder bereit wäre, es in die Tat umzusetzen. Das wurde unter den türkischen Mitbürgern bisher nicht im Rahmen eines Forschungsprojektes untersucht. Das wird die nächste wichtige Aufgabe des Zentrums für Türkeistudien sein.
Welche Probleme sehen Sie in der deutschen Integrationspolitik?
Bis zum Jahre 2000 hat Deutschland keine richtige Zuwanderungspolitik gemacht. Die Zuwanderer haben sich mit dem neuen Heimatland kaum identifiziert. Die Herkunftsländer haben die Auswanderer nur als Finanzquelle gesehen. Es ist kein Wir-Gefühl entstanden. Man zeigt Migranten immer wieder, daß sie noch Fremdkörper in der deutschen Gesellschaft sind. Das gilt leider auch für Bundesfamilienministerin Frau von der Leyen. Sie kündigt ein Bündnis für Erziehung mit den christlichen Kirchen als Partner an, beruft aber keinen Vertreter der 3,5 Millionen gläubigen Muslime. Das ist ein schwerer Fehler.
Aus der Berliner Morgenpost vom 24. April 2006